Agrarpolitik - kritsch gesehen
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Gerade deshalb lade ich Sie ein, aus den geistigen Häusern auszubrechen, Ihre ‚geistigen Scheinwerfer’ aus verschiedenen Richtungen einzusetzen, und bereit zu sein, unbequeme Schlussfolgerungen zu ziehen. | Gerade deshalb lade ich Sie ein, aus den geistigen Häusern auszubrechen, Ihre ‚geistigen Scheinwerfer’ aus verschiedenen Richtungen einzusetzen, und bereit zu sein, unbequeme Schlussfolgerungen zu ziehen. | ||
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Als Ermutigung hierzu soll jene bereits legendär gewordene Diskussion dienen, die sich beim letzten Vortrag des Philosophen des Kleinen, Leopold Kohr (1909 – 1994) an der Technischen Universität Wien ereignete. Als er schon gebrechliche Prof. Kohr von der <Gruppe angepasste Technologie> zu einem Vortrag gebeten worden war, wurde der Autor von den kritischen Studenten gebeten, Kohr benevolent zu flankieren, um einem „Abgleiten ins Märchenhafte“ entgegen zu wirken. Mitten unter seinem Vortrag meldete sich eine Gruppe von Hörern, die ihm vorwarf, gerade das Gegenteil von dem vorzutragen, was sie in den Fachvorlesungen zu hören bekämen. | Als Ermutigung hierzu soll jene bereits legendär gewordene Diskussion dienen, die sich beim letzten Vortrag des Philosophen des Kleinen, Leopold Kohr (1909 – 1994) an der Technischen Universität Wien ereignete. Als er schon gebrechliche Prof. Kohr von der <Gruppe angepasste Technologie> zu einem Vortrag gebeten worden war, wurde der Autor von den kritischen Studenten gebeten, Kohr benevolent zu flankieren, um einem „Abgleiten ins Märchenhafte“ entgegen zu wirken. Mitten unter seinem Vortrag meldete sich eine Gruppe von Hörern, die ihm vorwarf, gerade das Gegenteil von dem vorzutragen, was sie in den Fachvorlesungen zu hören bekämen. | ||
| - | Kohr reagierte wie folgt: Er richtete seine halb blinden Augen auf die Gruppe und fragte sie, ob sie die Geschichte von Noah und der Arche kenne. Nach einer Weile einigte man sich darauf, diese „Geschichte“ als Arbeitshypothese gelten zu lassen. Kohr war damit zufrieden und gab zu bedenken: „Junge Freunde! Wenn die Geschichte über Noah und die Arche stimmt, dann reden wir von einem Menschen, der auf seine innere Stimme hörte, statt sich nach dem Hauptstrom zu richten. Er tat völlig „unökonomische“ Dinge und beutete für seine Hirngespinste seine Großfamilie aus... und er wurde verlacht. Aber wenn diese Geschichte stimmt, dann stammen wir alle von diesem ‚Spinner’ ab!“ Betroffenes Schweigen folgte, und Kohr fuhr mit seinem Plädoyer für überschaubare, der Natur und der phylogenetischen (stammesgeschichtlichen) Ausstattung des Menschen angepasste, nachhaltige Gesellschaften ermöglichende Strukturen fort. | + | Kohr reagierte wie folgt: <br> |
| + | Er richtete seine halb blinden Augen auf die Gruppe und fragte sie, ob sie die Geschichte von Noah und der Arche kenne. Nach einer Weile einigte man sich darauf, diese „Geschichte“ als Arbeitshypothese gelten zu lassen. Kohr war damit zufrieden und gab zu bedenken: „Junge Freunde! Wenn die Geschichte über Noah und die Arche stimmt, dann reden wir von einem Menschen, der auf seine innere Stimme hörte, statt sich nach dem Hauptstrom zu richten. Er tat völlig „unökonomische“ Dinge und beutete für seine Hirngespinste seine Großfamilie aus... und er wurde verlacht. Aber wenn diese Geschichte stimmt, dann stammen wir alle von diesem ‚Spinner’ ab!“ Betroffenes Schweigen folgte, und Kohr fuhr mit seinem Plädoyer für überschaubare, der Natur und der phylogenetischen (stammesgeschichtlichen) Ausstattung des Menschen angepasste, nachhaltige Gesellschaften ermöglichende Strukturen fort. | ||
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Dieses Ereignis führte den Autor zur Strategie der <Inseln (Archen) der Nachhaltigkeit> - eine Metapher, die nun zum Gemeingut in der Nachhaltigkeitsliteratur gehört. | Dieses Ereignis führte den Autor zur Strategie der <Inseln (Archen) der Nachhaltigkeit> - eine Metapher, die nun zum Gemeingut in der Nachhaltigkeitsliteratur gehört. | ||
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Mein Freund, der Niederländer Leo A. Jansen, einer der Mitbegründer des Faktor 10 Clubs , hat die Technik des „Backcasting“, des Rückblickes aus der Zukunft, in die Politikplanung eingeführt. Diese Technik versucht Szenarien für erwartbare Zukünfte zu identifizieren, die sich aus den gegenwärtigen Verhaltensmustern ableiten lassen. Auf Basis dieser Projektionen werden dann notwendige Korrekturen für das gegenwärtige Verhalten abgeleitet. In anderen Worten: Unliebsame Ergebnisse in der Zukunft führen zur Korrekturaufforderungen in der Gegenwart. | Mein Freund, der Niederländer Leo A. Jansen, einer der Mitbegründer des Faktor 10 Clubs , hat die Technik des „Backcasting“, des Rückblickes aus der Zukunft, in die Politikplanung eingeführt. Diese Technik versucht Szenarien für erwartbare Zukünfte zu identifizieren, die sich aus den gegenwärtigen Verhaltensmustern ableiten lassen. Auf Basis dieser Projektionen werden dann notwendige Korrekturen für das gegenwärtige Verhalten abgeleitet. In anderen Worten: Unliebsame Ergebnisse in der Zukunft führen zur Korrekturaufforderungen in der Gegenwart. | ||
| - | =Der Befund - Was wir feststellen können== | + | ==Der Befund - Was wir feststellen können== |
| - | a) Voraussehbare Knappheiten: Nimmt man die Statistiken und Projektionen der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zur Kenntnis und erhärtet sie noch durch die Analysen des International Food Policy Research Institute, des Earth Policy Institute und des Worldwatch Institute , | + | a) Voraussehbare Knappheiten: Nimmt man die Statistiken und Projektionen der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zur Kenntnis und erhärtet sie noch durch die Analysen des International Food Policy Research Institute, des Earth Policy Institute und des |
| + | Worldwatch Institute, | ||
dann geht, wie schon eingangs erwähnt, die sich in geometrischer Reihe vermehrende Menschheit einer absoluten, nicht mehr verteilungsbedingten Nahrungsknappheit entgegen. Hierzu kommt noch das zunehmende Risiko von Missernten wegen der Klimaturbulenzen und die Gefahr gestörter Zufuhren. Letzteres Risiko wird systematisch ausgeblendet (Wegschauen), obwohl die Zeichen der Zeit auf Sturm stehen. Das Risiko eines sich zum Weltkrieg aufschaukelnden Konfliktes ist nämlich größer als zur Zeit des ‚kalten Krieges’, in dem die Akteure berechenbar waren und noch ein „rotes Telefon“ existierte. Man spricht von „Asymmetrischer Kriegsführung“, bei der die Gegner den traditionellen Verhaltensmustern nicht mehr entsprechen (Beispiel: An strategischen Zielen eingesetzte Selbstmordattentäter). Zu jeder ‚modernen’ Aggression gehören vor allem neben den rein militärischen Aktionen den Gegner ausschaltende Erstschläge mit dem Ziel der gleichzeitigen Störung oder Zerstörung der Informations-, Energieversorgungs- und Verkehrssysteme. | dann geht, wie schon eingangs erwähnt, die sich in geometrischer Reihe vermehrende Menschheit einer absoluten, nicht mehr verteilungsbedingten Nahrungsknappheit entgegen. Hierzu kommt noch das zunehmende Risiko von Missernten wegen der Klimaturbulenzen und die Gefahr gestörter Zufuhren. Letzteres Risiko wird systematisch ausgeblendet (Wegschauen), obwohl die Zeichen der Zeit auf Sturm stehen. Das Risiko eines sich zum Weltkrieg aufschaukelnden Konfliktes ist nämlich größer als zur Zeit des ‚kalten Krieges’, in dem die Akteure berechenbar waren und noch ein „rotes Telefon“ existierte. Man spricht von „Asymmetrischer Kriegsführung“, bei der die Gegner den traditionellen Verhaltensmustern nicht mehr entsprechen (Beispiel: An strategischen Zielen eingesetzte Selbstmordattentäter). Zu jeder ‚modernen’ Aggression gehören vor allem neben den rein militärischen Aktionen den Gegner ausschaltende Erstschläge mit dem Ziel der gleichzeitigen Störung oder Zerstörung der Informations-, Energieversorgungs- und Verkehrssysteme. | ||
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Im Angesicht dieser Gesamtsituation die heimische Versorgung risikoreich zu organisieren und die Bauern scharenweise zu opfern, ist demnach wirklich „zukunftskriminell“. | Im Angesicht dieser Gesamtsituation die heimische Versorgung risikoreich zu organisieren und die Bauern scharenweise zu opfern, ist demnach wirklich „zukunftskriminell“. | ||
| - | Was sich derzeit in der WTO und EU abspielt ist schlicht ein Bauernopfer (Abtausch) für verständliche - aber dies nicht rechtfertigende - kurzfristige Industrie- und Handelsinteressen. Wie weit dieses Denken geht, mögen zwei Zitate aufzeigen: Der oberste Budgetbeamte Österreichs schrieb vor einigen Jahren in ‚Arbeit und Wirtschaft’, dass die Land- und Forstwirtschaft offenbar ein typischer Schrumpfungsbereich sei und dass man daher von diesem das Geld abziehen müsse, um es in Hoffnungssektoren zu investieren. Noch weiter ging der ehemalige Vizedirektor für Landwirtschaft der OECD (ein Österreicher!). In einer „offen-ehrlichen Diskussion“ im Raiffeisenhaus zu Wien mit Agrarvertretern im Jahre 1998 erklärte er diesen „nüchtern“, dass das gegenwärtige Weltmarktsystem das bestmögliche sei. Wenn dieses erfordere, dass sich 250.000 österreichische Bauern (so viele waren es damals noch insgesamt) einen anderen Job suchen müssen, dann sei dies aus der Sicht des zunehmenden Weltwohlstandes ein zumutbares Opfer. Außerdem seien 250.000 Familien im Weltmaßstab eine vernachlässigbare Größe (quantité negligeable). Die Vertreter kurzfristiger Exportinteressen im Rahmen einer nicht nachhaltig organisierten Weltwirtschaft sind somit bereit, eine ganze Landeskultur und die Ernährungssicherheit der kommenden Generationen zu opfern. Aber der Aufstand der betroffenen Gesamtgesellschaften und die Vorschläge für eine institutionelle Neuordnung fehlen. Vielmehr hutschen sich die Wirtschaftsjournalisten und Hauptstromökonomen auf den „Bauernsubventionen“ (siehe nachfolgenden Abschnitt). Im gegenständlichen Fall brachten die im ersten Anlauf unmittelbar betroffenen Bauern(vertreter) nur ein geschocktes Stottern und Bitten um milderndes Überdenken hervor. Ich war in dieser Diskussion der einzige, der dem Vortragenden „Zukunftsblindheit oder Zukunftskriminalität“ vorwarf und zur massiven Selbstverteidigung aufrief. | + | Was sich derzeit in der WTO und EU abspielt ist schlicht ein Bauernopfer (Abtausch) für verständliche - aber dies nicht rechtfertigende - kurzfristige Industrie- und Handelsinteressen. Wie weit dieses Denken geht, mögen zwei Zitate aufzeigen: Der oberste Budgetbeamte Österreichs schrieb vor einigen Jahren in ‚Arbeit und Wirtschaft’, dass die Land- und Forstwirtschaft offenbar ein typischer Schrumpfungsbereich sei und dass man daher von diesem das Geld abziehen müsse, um es in Hoffnungssektoren zu investieren. Noch weiter ging der ehemalige Vizedirektor für Landwirtschaft der OECD (ein Österreicher!). In einer „offen-ehrlichen Diskussion“ im Raiffeisenhaus zu Wien mit Agrarvertretern im Jahre 1998 erklärte er diesen „nüchtern“, dass das gegenwärtige Weltmarktsystem das bestmögliche sei. Wenn dieses erfordere, dass sich 250.000 österreichische Bauern (so viele waren es damals noch insgesamt) einen anderen Job suchen müssen, dann sei dies aus der Sicht des zunehmenden Weltwohlstandes ein zumutbares Opfer. Außerdem seien 250.000 Familien im Weltmaßstab eine vernachlässigbare Größe (quantité negligeable). Die Vertreter kurzfristiger Exportinteressen im Rahmen einer nicht nachhaltig organisierten Weltwirtschaft sind somit bereit, eine ganze Landeskultur und die Ernährungssicherheit der kommenden Generationen zu opfern. |
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| + | Aber der Aufstand der betroffenen Gesamtgesellschaften und die Vorschläge für eine institutionelle Neuordnung fehlen. Vielmehr hutschen sich die Wirtschaftsjournalisten und Hauptstromökonomen auf den „Bauernsubventionen“ (siehe nachfolgenden Abschnitt). Im gegenständlichen Fall brachten die im ersten Anlauf unmittelbar betroffenen Bauern(vertreter) nur ein geschocktes Stottern und Bitten um milderndes Überdenken hervor. Ich war in dieser Diskussion der einzige, der dem Vortragenden „Zukunftsblindheit oder Zukunftskriminalität“ vorwarf und zur massiven Selbstverteidigung aufrief. | ||
Auch der gegenwärtige „Handelsminister“ (BMWA) meinte in einem Gespräch, dass die Landwirtschaft den anderen Wirtschaftsinteressen nicht entgegen stehen solle. | Auch der gegenwärtige „Handelsminister“ (BMWA) meinte in einem Gespräch, dass die Landwirtschaft den anderen Wirtschaftsinteressen nicht entgegen stehen solle. | ||